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Ausgrabungen auf der Heerenwis in Rheinau

Wegen einer geplanten Überbauung konnte von Anfang Juli 2004 bis Mitte Juli 2005 im zürcherischen Rheinau die bisher grösste Fläche – rund 6500 Quadratmeter – archäologisch untersucht werden. Die Ausgrabung, die mitten im spätkeltischen Oppidum (befestigte Stadtanlage) und der hochmittelalterlichen Stadtanlage liegt, förderte aufschlussreiche Befunde und Funde zutage, die das bisher bekannte Siedlungsbild Rheinaus erweitern. Highlights aus spätkeltischer Zeit sind ein Keller, ein Grubenhaus, eine Zisterne und ein Palisadengraben. Höhepunkte aus dem Mittelalter bilden je zwei Pfostenbauten und Grubenhäuser sowie diverse Webkeller.

 

Markus Roth

Projektleiter, Kantonsarchäologie Zürich

 

In einer Doppelschlaufe des Rheins liegen die Halbinseln «Au» (Rheinau) und «Schwaben» (Altenburg D). Auf den Halbinseln befand sich einst je ein keltisches Oppidum (befestigte Stadtanlage) aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Der Rhein war schon damals eine wichtige Verkehrsachse und bot den Siedlungen zugleich Schutz vor Überfällen. Auf beiden Halbinseln wurde der einzige Zugang auf dem Landweg mit Wall-Graben-Anlagen, die heute noch gut sichtbar sind, abgeriegelt. Das Gebiet von Rheinau ist durch eine Geländestufe in eine obere und eine untere Terrasse gegliedert (heute Ober- und Unterstadt), wobei sich die eigentliche Siedlung auf die untere Rheinterrasse – weit entfernt von der Wallanlage – beschränkt haben dürfte.

 

Seitdem die Luftbildprospektion Ende der 1980er-Jahre den effektiven Umfang der Besiedlungsspuren auf der Halbinsel «Au» ans Licht brachte, bildet die Erforschung des keltischen Rheinau ein Schwerpunkt in der Tätigkeit der Kantonsarchäologie.

 

Keltischer Palisadengraben, einheimische und importierte Waren

 

Die Rettungsgrabung auf der Heerenwis brachte zahlreiche bemerkenswerte Befunde und Funde aus keltischer Zeit hervor. Zu erwähnen sind ein Grubenhaus, ein Keller und eine grosse Grube, die vermutlich als Zisterne diente. Wie schon bei früheren Ausgrabungen konnte wiederum das Schmiedehandwerk dingfest gemacht werden, neu konnte nun auch eine kleine Drechslerwerkstatt nachgewiesen werden.

 

Auffallend reichhaltig ist das Fundmaterial: Reste des Hausrats wie Fragmente von Keramikgeschirr und Bronzegefässen sind ebenso vertreten wie Geräte (Messer, Ahlen), Schlüssel, Pfeilspitzen und Münzen. Verschiedene Eisen- und Bronzefibeln (Gewandschliessen), Glas-, Bernstein-, Knochen- und Bronzeperlen sowie ein importierter römischer Fingerring mit Bernsteineinlage zeugen davon, dass die Träger dieser Schmuckobjekte deren Schönheit offenbar zu schätzen wussten.

 

Verschiedene Fundstücke belegen Handelsbeziehungen innerhalb des keltischen Raums, aber auch mit dem Mittelmeergebiet und dem germanischen Norden. Aus dem Mittelmeerraum wurde Wein importiert. Überliefert sind die Scherben von Amphoren, die als Transportbehälter dienten. Ein Traubenkern in einer Abfallgrube auf der Heerenwis wirft Fragen auf, ging man doch bisher davon aus, dass die kultivierte Traube erst mit den Römern in unser Gebiet gelangte. Die Frage stellt sich nun, ob die Kelten bereits mit dem Rebbau vertraut waren oder ob der Traubenkern in einer Weinamphore, als Frischprodukt oder als getrocknete Beere nach Rheinau gelangte.

 

Als kleine Sensation darf ein Palisadengraben mit Toranlage betrachtet werden. Er umschliesst eine Fläche von mindestens 650 Quadratmetern. Da in der Innenfläche keine keltischen Strukturen beobachtet wurden, kann über die Funktion der Anlage nur gerätselt werden. Handelt es sich um einen heiligen Bezirk? Dass es ein spezieller Platz gewesen sein muss, lässt sich allein aus der Tatsache erklären, dass mit grossem Aufwand eine Fläche zum Schutz vor Eindringlingen mit einer Palisade umgeben wurde. Grosse Pfostengruben zeugen von einer mächtigen, vier Meter breiten Toranlage in der Südwestecke des Gevierts.

 

Eine Siedlung beim Kloster

 

Das spätkeltische Oppidum von Rheinau wurde vermutlich noch etwas vor der römischen Okkupation im Verlauf der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts vor Christus aufgegeben. Danach verlieren sich die Spuren menschlicher Überbleibsel, bis im Frühmittelalter – vielleicht bereits im 8. Jahrhundert, spätestens aber im 10. Jahrhundert – auf der Insel im Rhein ein Kloster gebaut wurde.

 

Die Ausgrabung «Heerenwis» brachte nun erstmals Spuren einer frühen Siedlung ans Tageslicht. Es konnten mehrere grosse Pfostengruben dokumentiert werden, die von zwei grossen Gebäuden stammen. Einer dieser Pfostenbauten, die in der Schweiz bislang noch selten belegt werden konnten, war 19 Meter lang und konnte ins 10./11. Jahrhundert datiert werden. Oft kamen solchen Gebäuden verschiedene Funktionen zu, sie konnten zum Beispiel gleichzeitig als Wohnbereich und als Stallung dienen. In die gleiche Zeit gehören zwei Grubenhäuser.

 

Das mittelalterliche Fundmaterial ist sehr zahlreich. An Abfall kamen Scherben von Geschirr und vor allem sehr viele Knochen – Schlachtabfall – zum Vorschein. Auf dem damaligen Speisezettel standen demzufolge Schwein, Rind, Schaf und Ziege, Hühner und Kleinnagetiere, Frösche und Fische sowie Muscheln. Verkohlte Getreidekörner, Linsen und Erbsen geben einen Einblick in die pflanzliche Ernährung, dazu kamen Eier, Nüsse und Pfirsiche.

 

Das Textilhandwerk blüht auf

 

Die Siedlung entwickelte sich in den darauf folgenden zwei Jahrhunderten weiter. Ein jüngeres, im Verlauf des späten 12. Jahrhunderts abgebranntes Grubenhaus, dessen unterste Partien der Flechtwerkwände, der Wandpfosten und der Eingangsschwelle sich dank der guten Erhaltungsbedingungen im Boden erhalten haben, war mit einer Herdstelle und möglicherweise bereits mit einem Webstuhl ausgestattet.

 

Mehrere kellerartige Strukturen aus dem 12./13. Jahrhundert befanden sich unmittelbar nördlich der heutigen Austrasse und parallel zu dieser. Die Ausrichtung dieser Strukturen zur modernen Strasse hin lässt darauf schliessen, dass bereits im Mittelalter eine Strasse die Halbinsel «Au» durchquerte. In den Kellern fanden sich Spuren von jeweils bis zu zwei Trittwebstühlen. Das Ausgrabungsteam fand noch vier Pfostengruben, in denen der jeweilige Webstuhl verankert war, sowie die Tretgrube, in der die Tritte fixiert waren. Die Funktion eines weiteren Kellers konnte bisher noch nicht geklärt werden. Sicher ist, dass er einst mit gemörtelten Mauern ausgestattet war und so einen herrschaftlichen Charakter vermittelt.

 

Zwischen dem Kloster und der weltlichen Herrschaft bestand während des ganzen Mittelalters machtpolitische Rivalität. Die Stadt bestand aus zwei Siedlungskernen, der Unterstadt und der Oberstadt. In schriftlichen Überlieferungen wird die Unterstadt als die ältere Siedlung bezeichnet. Gemäss einer Urkunde vom Ende des 13. Jahrhunderts wurden die Rheinauer Bürger der Unterstadt aufgefordert, innert kürzester Frist in die Oberstadt umzuziehen. Die auf dem Areal Heerenwis entdeckten mittelalterlichen Befunde untermauern die historische Überlieferung. Die Datierung des Fundmaterials aus den abgebrannten und zerstörten Gebäuden deutet darauf hin, dass die Siedlung in der Unterstadt gegen 1300 aufgegeben wurde. Damit ist allerdings noch nicht bewiesen, dass auch tatsächlich jedes einzelne Gebäude auf Geheiss der Obrigkeit abgebrochen und verlassen wurde. Es sind durchaus Gebäude im Bereich der Unterstadt bekannt, die eine bauliche Kontinuität vom Hochmittelalter bis in die Zeit der Reformation aufweisen.

 

Spurenbild zweier Bezirksgesangsfeste aus den Jahren 1897 und 1921

 

Nicht nur keltische und mittelalterliche Siedlungsreste hinterlassen ihre Spuren im Boden. Auch die Überreste von zwei in massiver Pfostenbautechnik mit Ziegeldach errichteten Hallen kamen auf dem Ausgrabungsgelände zum Vorschein. Ähnlich wie bei den mittelalterlichen Bauten waren nur noch die massiven Pfostengruben erhalten geblieben. Nachforschungen ergaben, dass 1897 in Rheinau ein Bezirksgesangsfest und 1921 ein Bezirkssängertag abgehalten wurden, zu deren Durchführung auf der Heerenwis mit beträchtlichem Aufwand jeweils ein bis zu 70 Meter langes Festzelt errichtet wurde.

 

Bild: Kantonsarchäologie Zürich

 

 

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